Der "digitale Nachlass"

 

In der heutigen Zeit ist ein Leben ohne die digitale Welt kaum mehr vorstellbar. Beinahe jeder von uns verfügt über eine E-Mail Adresse, und mehrere Internet Accounts. Was aber passiert mit diesen Zugängen, wenn der Todesfall eintritt? Dann bezeichnet man diese Daten des Erblassers als sogenanntes digitales Erbe oder digitalen Nachlass. Wie bekommt nun der Erbe Zugriff darauf und welche Schwierigkeiten entstehen für ihn in diesem Bereich?

Im Internet gilt: Alles ist für immer!
Im realen Leben jedoch gilt: Der Mensch ist endlich!

Ein Beispiel:

Erblasser (E) verstirbt, ganz plötzlich bei einem Unfall. Er hinterlässt eine Frau (F), zwei Kinder und zahlreiche laufende Ebay-Auktionen. E loggt sich nun nicht mehr bei Twitter ein, aber seine Follower schreiben ihn an: „@E: Wie geht es dir? Warum gehst du nicht mehr on?“. E lächelt noch auf seinem Profilbild bei Facebook, doch die Nach­richt von seinem Tod macht bereits die Runde. Seine Freunde posten auf seiner Seite „Wir vergessen dich nie!“. Darunter findet sich noch ein Foto des lachenden E, der Freunde zu seiner Geburts­tags­party einlädt.

Mobilfunkanbieter

Mobilfunkanbieter ziehen auch nach dem Tod ihres Kunden die Vertragsgebühren weiterhin ein, Rechnungen werden per E-Mail versandt. Sämtliche Internetzugänge des Verstorbenen existieren zunächst einmal weiterhin. Alles, was der Erblasser zu Lebzeiten in die Wege geleitet hatte, läuft einfach weiter, beispielsweise Ebay Auktionen und Paypal Zahlungen. Abbuchungen werden auch über den Tod hinaus vorgenommen, wenn der Erblasser eine Einzugsermächtigung erteilt hat.

Der Erbe benötigt demnach dringend Zugriff auf diese Accounts um herauszufinden, was der Erblasser veranlasst hatte und um reagieren zu können.

Hier kommt es zu Konflikten zwischen erbrechtlichen Regelungen und dem Datenschutzrecht. Denn nach modernen Rechtsgrundätzen ist der Absender einer E-Mail schutzwürdiger als der eines Briefes oder einer Postkarte.

Probleme für den Erben

Der Erbe muss die Onlinezugänge des Erblassers samt Zugangsdaten ermitteln. Schreibt der Erblasser seine Accounts und Zugangsdaten zu Lebzeiten nieder, so kann er seinen Erben diese Nachforschungen ersparen.

Facebook

Auf das Facebookprofil des Verstorbenen, können die Hinterbliebenen nur zugreifen, wenn sie über die Zugangsdaten verfügen. Facebook sieht die Datenschutzrechte der Kommunikationspartner des Erblassers als schützenswerter an, als das Interesse der Erben an der Löschung einzelner Veröffentlichungen. Auch die Gerichte sind insoweit auf der Seite von Facebook, wie ein kürzlich ergangenes Urteil des KG Berlin zeigt.

Freunde des Erblassers können sein Profil mit einem sogenannten Gedenkstatus belegen. Danach kann eine Löschung des Profils nur noch ausschließlich von Facebook selbst durchgeführt werden. Für den Erben ist demnach ein schneller Zugriff auf den Account wichtig, um im Interesse des Verstorbenen dessen Profil entweder zu löschen oder zu erhalten, indem er es selbst in den Gedenkstatus versetzt. Erinnerungsfunktionen, etwa an Geburtstage, werden deaktiviert, jedoch keine einzelnen Inhalte gelöscht.

Darüber hinaus verfügt Facebook über eine Funktion, um vorsorglich eine Vertrauensperson für den eigenen Todesfall angeben zu können, die Zugriff auf das Profil erhält. Jedoch ist auch deren Befugnis eingeschränkt. Sie erhält lediglich die Möglichkeit den gesamten Account zu löschen oder ihn in den Gedenkstatus zu versetzen. Einzelne Veröffentlichungen des Erblassers können nicht entfernt werden. Eingesetzt werden kann nur eine Person, die selbst bei Facebook angemeldet ist. Probleme entstehen, wenn sich die eingesetzte Person bei Facebook abmeldet oder ihren Facebook Namen ändert. Die von Facebook zur Verfügung gestellte Funktion löst die Schwierigkeiten des Erben somit nur zu einem kleinen Teil.

Twitter

Twitter fordert die Sterbeurkunde, eine Ausweiskopie des Erben und eine notarielle Beglaubigung, die Auskunft darüber gibt, welche Kontaktdaten der Erbe hatte und in welcher Beziehung er zum Erblasser stand. Die Dokumente sind am Sitz von Twitter in San Francisco einzureichen. Sollte es in dieser Sache zu einem Rechtsstreit kommen, so gilt hierfür das Recht des US-Bundesstaates Kalifornien.

Ebay

Kennt der Erbe die Zugangsdaten des Erblasser und löscht den Account, erhält er eine Bestätigungsemail an die E-Mail Adresse des Erblassers. Folglich kann der Erbe den Zugang nur löschen, wenn er auch Zugriff auf das E-Mail Postfach des Erblassers hat.

E-Mail Account (Gmx.de, Web.de, Yahoo.de usw.)

Der Zugriff auf den E-Mail Account des Verstorbenen ist für den Erben von enormer Bedeutung. Rechnungen, Erinnerungen an Termine, Bestätigungslinks und vieles mehr gehen täglich dort ein. Zwar kann der Erbe beim Anbieter Zugang zu den Postfächern beantragen. Er muss sich jedoch durch Vorlage eines Erbscheins legitimieren. Den Erbschein erhält er vom Nachlassgericht nicht unmittelbar nach dem Tod, sondern erst nach Abschluss der Erbenermittlung. Hat der Erblasser nicht entsprechend vorgesorgt, ruhen sämtliche Accounts einseitig – ein Zugriff des Erben ist nicht möglich. Neben dem Erbschein und der Vorlage des Personalausweises des Erben fordern manche E-Mail Anbieter auch noch, dass der Erbe den Zugriff auf das Post­fach mit einem unter­schriebenen Schrift­stück beantragt.

Yahoo und Amazon

Yahoo gewährt generell keinen Zugriff auf den Account eines Verstorbenen. Eine Löschung hingegen kann bewilligt werden. Damit sind dann allerdings sämtliche Daten ausgelöscht und unter Umständen auch der Bestätigungslink zur Löschung des E-Bay Zugangs.

Amazon wählt dieselbe Vorgehensweise im Todesfall.

Paypal

Paypal stellt die Kommunikation auf die E-Mail Adresse des Erben um, wenn sich dieser legitimiert hat. Der Erbe erhält auch ein möglichweise noch bestehendes Guthaben ausbezahlt. Neben der Sterbeurkunde sind die Vorlage einer Ausweiskopie des Erben und ein Erbschein erforderlich.

 

Was tun?

Wichtig ist es zum einen, den Angehörigen die Zugangsdaten zu bestehenden Internetzugängen zur Verfügung zu stellen und ihnen andererseits in Vorsorgevollmacht und Testament die Berechtigung zur Nutzung der Accounts einzuräumen. Denn auch dann, wenn ein Mensch nicht mehr selbst handeln oder entscheiden kann, muss sich der Betreuer oder Bevollmächtigte auch um den digitalen Nachlass kümmern.

Vorsorgedokumente greifen für den Fall ein, dass man noch am Leben ist, aber geschäfts- oder handlungsunfähig wird. Das Testament hingegen gilt erst mit dem Tod. Nur mit einer Kombination aus beidem ist eine vollumfänglich Absicherung der Angehörigen möglich.

 

Fazit:

Selbst Wochen nach der Handlungsunfähigkeit oder gar dem Tod des Erblassers können Fragen zum digi­talen Nach­lass noch nicht abschließend geregelt sein. Für Vollmachtnehmer und Erben ist dies eine nicht unerhebliche Belastung.


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